Auf den Spuren von Hermann Hesse in Ulm

Oktober

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In Ulm gibt es nicht nur Spuren von Hermann Hesse, sondern auch jemanden, der sie mit großer Leidenschaft verfolgt: Gerd Xeller ist ein ausgewiesener Kenner des Schriftstellers und hat mit dem „Hermann-Hesse-Besinnungsweg“ eine ganz besondere Form der literarischen Spurensuche geschaffen. Dabei geht es ihm nicht nur um historische Orte, sondern auch um persönliche Reflexion – und um die Frage, was Hesses Denken uns heute noch sagen kann.

Xeller ist aber nicht nur Kulturvermittler, sondern auch Lehrbeauftragter an der Hochschule Neu-Ulm. Dort unterrichtet er das Wahlpflichtfach „KI und der Wandel der Arbeitswelt“ – und bringt auch hier seine geisteswissenschaftliche Perspektive ein. Wie Hermann Hesse, so Xeller, gehe es auch in der heutigen Zeit um das Gleichgewicht zwischen technologischem Fortschritt und geistiger Tiefe. Im Gespräch erzählt er, wie sich seine kulturellen Interessen mit seiner Lehre verbinden lassen – und ob er sich vorstellen kann, eines Tages eine Professur zu übernehmen.

Wie bist du erstmals mit dem Werk von Hermann Hesse in Berührung gekommen und was hat dich fasziniert?

Meine Mutter war Deutschlehrerin, sehr belesen und eine große Inspiration für mich – ebenso meine Großeltern, die mir lebenslang Vorbilder waren. Durch meine Mutter kam ich mit Hermann Hesse in Berührung. Wir waren einmal im Urlaub im Tessin und besuchten das Hermann-Hesse-Museum in Montagnola. Das hat mich nie losgelassen. Später las ich Siddhartha, was mich tief beeindruckt hat, ebenso Demian – ein wunderbares Buch. So ist eine große Liebe zu Hesses Werk entstanden. Seine Texte sind unglaublich präzise und können auf viele Fragen unserer Zeit Antworten geben.
Mein historisches Interesse kam hinzu: Die Lebensreformbewegung fand ich schon immer faszinierend – und so fügte sich das eine zum anderen.

Was hat dich dazu inspiriert, Hesses Spuren in Ulm nachzugehen und daraus einen Besinnungsweg zu entwickeln?

Ich war einige Zeit auf dem Vogelhof bei Ehingen. Dort kursierten über eine Internetplattform Gerüchte, dass Hermann Hesse einmal dort gewesen sei. Man muss wissen: Der Vogelhof wurde 1921 von Heimkehrern aus dem Ersten Weltkrieg gegründet, auch von einigen Wandervögeln. Sie suchten ein naturverbundenes Leben – als bewussten Gegenentwurf zur Industrialisierung und Bürgerlichkeit. Daraus entstand 1925 eine Schule mit reformpädagogischen Ansätzen. Diese Geschichte hat mich tief berührt.
Bei meinen Recherchen stieß ich auf das Buch „Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm“ von Jan Haag und Bernd Michael Köhler. Sie haben darin Hesses „Ulmer Freunde“ aus der Nürnberger Reise sichtbar gemacht – eine wunderbare Arbeit. Dadurch wuchs mein Interesse, den Besinnungsweg zu entwickeln.
Hinzu kommt: Ich war viele Jahre in der Jugendarbeit aktiv und organisierte dort regelmäßig Geländespiele. Wege zu konzipieren, Logik zu schaffen und Wissen durch Erfahrung zu vermitteln – das ist ein erfahrungsorientierter Ansatz, der auch in den Besinnungsweg eingeflossen ist.

Was unterscheidet deinen Besinnungsweg von einer klassischen literarischen Stadtführung?

Wir wollen Ulm mit den Augen Hermann Hesses sehen. Das ist besonders spannend, weil ich Ulm ja nur in seinem heutigen Zustand kenne. Vor dem 17. Dezember 1944 war Ulm eine beeindruckend schöne, gotisch geprägte, freie Reichsstadt – eine stolze, reiche Bürgerstadt mit mittelalterlichen Bauten. Diese Schönheit hat Hesse stark fasziniert. Mit dem Besinnungsweg möchten wir auf diese Orte blicken, wie sie einst aussahen, und zugleich Hesses Werk sowie das Leben seiner Ulmer Freunde mit der regionalen Geschichte verbinden.

Welche Stationen auf dem Weg berühren dich persönlich am meisten – und warum?

Das ist schwer zu sagen, weil mich viele Stationen tief berühren. Eine davon ist die Schwarze Henne. Das Haus existiert noch heute, und dort war Hermann Hesse 1904 mit seinem Freund Eugen Zeller. Es war eine durchzechte Nacht, in der viel über Peter Camenzind gesprochen wurde. Fünfzig Jahre später findet sich noch ein Hinweis auf diese Begegnung. Zeller riet Hesse damals, zu heiraten – was dieser im August desselben Jahres auch tat, als er Mia Bernoulli ehelichte. Es war ein entscheidender Wendepunkt in Hesses Leben, auch wenn die Ehe später scheiterte. Diese Station ist besonders lebendig, weil man in der Schwarzen Henne heute noch einkehren kann und so die Atmosphäre nachempfindet.

Ein weiteres Highlight ist die Aegis Buchhandlung, heute auch Siegfried-Unseld-Haus genannt. Sie steht in enger Verbindung zur Literaturgeschichte Ulms, insbesondere auch zur Nachkriegszeit und zum Suhrkamp Verlag, der für die Verbreitung von Hesses Werk eine zentrale Rolle spielt.

Und schließlich der Pavillon in der Bessererstraße – ein wunderschönes, architektonisch starkes Bauwerk, das ursprünglich von der Pariser Weltausstellung stammt und die Bombennacht vom 17. Dezember 1944 überlebt hat. Dieses Gebäude steht für mich sinnbildlich für Überleben, Schönheit und geistige Stärke.

Welche Rolle spielt Ulm in Hermann Hesses Leben und Denken aus deiner Sicht?

Er hatte mit seinen Ulmer Freunden Eugen Zeller und Eugen Link eine lebenslange Verbindung. Zeller hat Hesses Werke redigiert und kommentiert, etwa auch „Das Glasperlenspiel“. Zwischen ihnen bestand eine tiefe geistige Freundschaft mit intensiven Gesprächen und einem fortlaufenden Austausch über Kunst, Religion und Philosophie. Diese Begegnungen haben Hesse geprägt und begleitet.

Was macht Ulm und die Region für dich zu einer liebenswerten Umgebung – auch jenseits der Literatur?

Ulm ist eine Stadt, die nicht zu groß und nicht zu klein ist und trotzdem alles bietet – kulturell, architektonisch und menschlich. Ich schätze die Nähe zur Natur: die Schwäbische Alb, den Bodensee, die Alpen – man kann von hier aus wunderschöne Tagesausflüge machen. Das ist ein Geschenk.
Ich liebe es, über den Markt zu gehen, die Gemeinschaft zu erleben, die Offenheit der Menschen. Ulm war eine freie Reichsstadt, selbstbewusst und unabhängig – und dieser Geist ist, so empfinde ich, noch heute spürbar. Das berührt mich jedes Mal aufs Neue.

Was lehrst du an der Hochschule Neu-Ulm?

Ich unterrichte aktuell das Wahlpflichtfach „KI und der Wandel der Arbeitswelt“. Mir ist wichtig, mit den Studierenden zu reflektieren, wie Technik unser Leben verändert – nicht nur beruflich, sondern auch gesellschaftlich. Hermann Hesse ist dabei wieder ein Bezugspunkt: In „Der Steppenwolf“ übt er eine tiefe Kritik an der Technisierung und warnt vor dem Verlust des Geistigen. Genau das ist heute aktueller denn je. Dabei geht es um die Balance zwischen der technologischen und der geistig-menschlichen Entwicklung.

Was macht dir als Lehrbeauftragter am meisten Spaß?

Wenn Studierende mit Freude, Engagement und Eigeninitiative dabei sind. Dann kann ich mich voll einbringen – das bereitet mir wirklich große Freude. Der lebendige Austausch, das gemeinsame Denken und Lernen – das ist es, was mir am meisten Spaß macht.

Gibt es etwas, das du aus deinem kulturellen Engagement in die Lehre mitnimmst?

Ja, auf jeden Fall. Die Themen Hesses – etwa die Kritik an der Technik oder die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten bei C. G. Jung – lassen sich wunderbar in meine Lehre integrieren.
Ich versuche, Selbsterkenntnis, Licht- und Schattenarbeit sowie das Verständnis von Projektionen auch in den Unterricht zu bringen. Diese psychologischen Mechanismen sind wesentlich – nicht nur für persönliches Wachstum, sondern auch für Führung und Zusammenarbeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt. Das ist übrigens auch für meine Seminare als Seminarleiter und Coach von großer Bedeutung.

Hast du Ambitionen, deine Lehrtätigkeit in eine Professur zu überführen?

Darüber habe ich tatsächlich schon oft nachgedacht. Es wäre ein schöner Wunsch – meine Leidenschaft gilt jungen Menschen, und ich arbeite sehr gerne mit ihnen. Momentan bin ich stark eingebunden, aber grundsätzlich könnte ich mir eine Professur gut vorstellen.

ℹ️ Die Fotos stammen von Sabrina Braunwarth.

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